Nicht vergessen!
Nicht vergessen!
- Datum:
- Ort:
- Unna
- Lesedauer:
- 3 MIN
Feuchtkalt war die Luft. Wenigstens der Nieselregen hatte aufgehört. So würden wir zumindest trocken bleiben an unserem „Draußen-Tag“. Wir: Das waren Soldatinnen und Soldaten der 5. Kompanie des Panzerbataillons 203, die mit mir für ein Lebenskundliches Seminar nach Berlin gefahren sind. Thema: „Nicht vergessen!“
Und jetzt waren wir in der Henning-von-Tresckow-Kaserne, um den Wald der Erinnerung vor Ort zu erleben und der in den Auslandseinsätzen der Bundeswehr verstorbenen Kameradinnen und Kameraden zu gedenken.
Bereits am Vortag im Seminarraum in der General-Steinhoff-Kaserne wurde spürbar, wie nahe und auch bedrängend das „scharfe Ende“ des Soldatenberufs gerückt ist. „Mich interessiert an diesem Thema, wie bei uns mit dem Tod von Soldaten umgegangen wird – in der Bundeswehr und im Staat. Es kann einen ja auch treffen“, sagte jemand. „Ich frage mich, wie das würde, wenn wir in einen echten Verteidigungsfall kämen mit deutlich mehr Toten täglich“, meinte jemand anderes. Im Alltagsgeschäft haben diese Fragen wenig Platz. Hier fanden sie Raum und Zeit.
Entsprechend emotional war der Tag im Wald der Erinnerung. Für viele war es der erste Besuch. Schon die Stelen mit den Namen der in Auslandseinsätzen verstorbenen Soldatinnen und Soldaten geben das Gefühl: Dieser Ort lebt. Neben vielen Namen sieht man abgelegte Erinnerungsstücke.
Die Ehrenhaine zeigen auf eine sehr berührende Weise, mit welcher Kreativität sich die Truppe damals ihren Ort des Gedenkens geschaffen hat. „Wir sind vor jeder Patrouille an den Ehrenhain gefahren,“ erzählte ein gestandener Kamerad am Ehrenhain des OP North. Es war die Zeit des ISAFInternational Security Assistance Force-Einsatzes in Afghanistan, die die meistens Verluste in der Bundeswehr gefordert hat. Manche Namen finden sich in mehreren Ehrenhainen. Die Ehrenhaine sind aus der Eigeninitiative der Truppe entstanden, nicht nach einem übergeordneten Plan. Im Ensemble fehlt noch der Ehrenhain aus GAO/Mali. Er ist zurückgeführt und soll noch in diesem Jahr aufgebaut und eröffnet werden.
Der dritte Bereich schließlich ist der eigentliche Wald der Erinnerung. Hier haben Angehörige von im Dienst verstorbenen Soldatinnen und Soldaten die Möglichkeit, einen Baum der Erinnerung zu gestalten. „Mich haben die sehr persönlichen Formen des Erinnerns beeindruckt und berührt“, fasste ein Teilnehmer unter Kopfnicken der anderen zusammen.
Zusammengebunden habe ich die vielen Eindrücke durch einen gemeinsamen Gang an jeden Ehrenhain. Dort haben wir jeweils ein Licht angezündet. Das nachgebaute Haus Benedikt nutzten wir zu einer nachdenklichen Reflexion und Auswertung des Erlebten. Zum Abschluss haben wir im Raum der Stille ein Gedenken mit Kranzniederlegung gehalten.
Zum Wald der Erinnerung gehört ein offizielles Pendant. Wir besuchten das Ehrenmal der Bundeswehr am Bendlerblock am Folgetag. Es wurde 2009 für die mittlerweile ca. 3.400 in Ausübung ihres Dienstes verstorbenen Bundeswehrangehörigen eingeweiht. Der Kontrast zwischen dem offiziellen sachlich-schlichten Ehrenmal und den vielfältigen internen Ehrenhainen könnte nicht größer sein. In der Führung wurden uns die feinsinnigen Aspekte der Architektur vorgestellt und gedeutet. Wichtig ist die öffentliche Zugänglichkeit.
Der Raum der Information bot uns die Möglichkeit, das Lebenskundliche Seminar mit einer Auswertung abzuschließen. Die Truppe machte sich im Bus auf den Heimweg nach Ahlen. Ich verlegte zur Brigadeübung Richtung Munster-Bergen. Aber davon schreibe ich an anderer Stelle.