Kretas Zeitzeugen des Krieges
Bevor die Stimmen verstummen: Ein multinationales Projekt an der Führungsakademie der Bundeswehr bewahrt Erinnerungen an 1941 - 1945

Knapp acht Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs haben sie sich auf Spurensuche begeben: Major Hugues Allorant und Major Jasper Arts von der Führungsakademie der Bundeswehr. Entstanden ist eine digitale Schatztruhe. Sie bewahrt Interviews mit Zeitzeugen der deutschen Invasion Kretas 1941 und der Okkupation bis 1945.
Allorant und Arts haben sechs Podcasts erstellt, die per QR-Codes in eine Plakatausstellung eingebettet sind. Zu Wort kommen vier Angehörige der Kriegsgeneration. Drei Griechen und ein Deutscher berichten, was sie erlebt haben – während der Schlacht, unter der Besatzungsherrschaft, im Widerstand. Den Rahmen bilden Allorants und Arts‘ Einordnungen sowie eine Diskussion über Gedenkkulturen, Traumata und die Bedeutung der letzten Angehörigen der Kriegsgeneration. An der Debatte beteiligt: Professorin Dr. Loretana de Libero, Projektbetreuerin und Historikerin der Führungsakademie. Ihr Seminar war Ausgangspunkt für die Arbeit der beiden Majore und Teilnehmer des zweijährigen Lehrgangs General- und Admiralstabsdienst National 2020.
Im Beisein des Generalkonsuls der Französischen Republik in Hamburg, Frédéric Joureau, des Generalkonsuls der Hellenischen Republik in Hamburg, Michail Angelopoulos, und Vertretern der griechischen Gemeinde ist die Plakatausstellung jetzt eröffnet worden. Generalkonsul Angelopoulos sagte während des Empfangs in der Führungsakademie, die Podcasts hielten die Erinnerung an Kretas Geschichte der Jahre 1941 bis 1945 wach: „Und wir haben die Pflicht, diese Ereignisse nicht zu vergessen.“ Professorin de Libero sprach auch mit Blick darauf, dass Allorant den französischen und Arts den niederländischen Streitkräften angehört, von einem multinationalen Beitrag zum Frieden in Europa. Das gemeinsame Erinnern, gegen das bequeme Vergessen, sei ganz im Sinne der militärhistorischen und politischen Bildung in der Bundeswehr, so die Wissenschaftlerin.
Hörprobe
Zu den Podcast
Karl-Heinz Jezek (Jahrgang 1921) nahm als Fallschirmjäger an den Kampfhandlungen auf Kreta teil. Seine Geschichte führte ihn später noch an die Ostfront, auf den Gran Sasso in Italien, nach Frankreich und an den Westwall. In diesem Podcast gewährt er uns einen Einblick in seine Erfahrungen und Erinnerungen.
Chariklia Fournaraki (Jahrgang 1927) sah mit eigenen Augen die deutschen Fallschirmjäger auf Kreta landen. In diesem Podcast geht es um ihre Erinnerungen an die Kampfhandlungen, an die Besatzungszeit und um ihre Begegnungen mit Deutschen - während und nach dem Krieg.
Michalis Anitsakis (Jahrgang 1927) lebt im Gebirge südöstlich von Chania. Er schildert seine Erlebnisse im griechischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer. Seine Gruppe wurde unterstützt durch den britischen Special Operations Executive (SOE). In diesem Podcast erfahren wir Details über das Leben und Wirken von Widerstandskämpfern auf Kreta.
Dr. Alexandros K. Papaderós (Jahrgang 1933) lebt in Livadas. Als Kind war er Kurier für den Widerstand im westlichen Kreta. Seine Erfahrungen während des Krieges haben sein Leben maßgeblich geprägt. Nach seinem Priesterstudium lebte er von 1958 bis 1964 in Deutschland; 1968 gründete er auf Kreta die Orthodoxe Akademie. Er trägt durch seine Aktivitäten zur Verständigung und Versöhnung unter den Völkern Europas bei.
Professorin Dr. Loretana de Libero, Major Jasper Arts und Major Hugues Allorant diskutieren die unterschiedlichen deutsch-griechischen Gedenkkulturen. Sie sprechen über „heiße“ Erinnerungen, über Kriegstraumata, die bis in die heutige Generation der Kriegsenkel nachwirken, über die Bedeutung der „letzten Zeitzeugen“ und die Chance im heutigen Europa, im gemeinsamen Dialog erlebte Geschichte zu bewahren und die komplexe Gegenwart zu verstehen.
Der Podcast „Reflektionen und Erfahrungen“ folgt Mitte Juli.