„Wir wussten, dass der Feind da ist“ – das Karfreitagsgefecht in Afghanistan
„Wir wussten, dass der Feind da ist“ – das Karfreitagsgefecht in Afghanistan
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Drei Tote, acht Verwundete: Das Karfreitagsgefecht am 2. April 2010 bei Isa Khel in Afghanistan war der härteste Kampf, den Soldaten der Bundeswehr seit deren Gründung 1955 zu bestehen hatten. Der erste Verwundete in diesem Gefecht war der damalige Oberfeldwebel Naef Adebahr. 15 Jahre später spricht er über den Tag, der sein Leben veränderte.
Er habe schon vorher ein seltsames Gefühl gehabt, sagt Stabsfeldwebel Naef Adebahr über den Karfreitag des Jahres 2010 in Afghanistan. „Wir Fallschirmjäger waren ständig draußen in der Fläche. Wir wussten, dass etwas passieren kann.“ Schon zwei Wochen vor dem 2. April hatten die Soldaten des Fallschirmjägerbataillons 373 in der Nähe des Dorfes Isa Khel mit Aufständischen gekämpft. „Das war unsere Feuertaufe“, erinnert sich Adebahr. „Wir wussten, dass der Feind da ist.“
Adebahr war damals 26 Jahre alt und Oberfeldwebel. Es war sein erster Einsatz in Afghanistan. An jenem Tag sollten bei Isa Khel Sprengfallen geräumt werden. Adebahr führte einen Trupp Soldaten in ein Getreidefeld, um eine havarierte eigene Drohne zu bergen – und geriet in einen Hinterhalt. Daraus entwickelte sich das fast neunstündige Karfreitagsgefecht, das in die Geschichte der Bundeswehr eingehen sollte. Mehr als 30 deutsche Soldaten wurden in die Kämpfe verwickelt. Am Ende des Tages waren drei von ihnen tot, acht weitere wurden teils schwer verwundet.

„Das Gefecht hat mich als Soldat und Mensch verändert“
Adebahr wurde als erster Soldat getroffen. „Wir wollten zu einem Gebäude ausweichen, als ich von einem Feuerstoß erwischt wurde“, sagt er. Zwei Kugeln trafen das rechte Bein, die dritte streifte seine linke Ferse. Die Schmerzen waren so überwältigend, dass auch zwei Morphiumspritzen kaum Linderung brachten. „Das Gehirn hat den Schmerz irgendwie ausgeglichen“, erinnert sich Adebahr. „Ich habe trotz allem noch gefunkt und die Signalpistole abgefeuert.“ Erst nachdem er weitere Medikamente erhalten habe, seien die Schmerzen auf ein erträgliches Maß abgeebbt.
Adebahrs Schusswunden sind inzwischen verheilt. Viele seiner Kameraden hatten weniger Glück. Hauptfeldwebel Nils Bruns, Stabsgefreiter Robert Hartert und Hauptgefreiter Martin Augustyniak fielen im Kampf, andere trugen bleibende Schäden davon. Trotz allem ging Adebahr noch weitere zwei Male für die Bundeswehr in den Einsatz nach Afghanistan. 2018 und 2021, jeweils über den Jahrestag des Karfreitagsgefechts hinweg. „Für mich war es eine wichtige Erfahrung, um mit allem abschließen zu können“, sagt er. „Das war nicht ganz ohne, aber es hat gutgetan.“
Das Gefecht bei Isa Khel habe ihn nicht nur als Soldat, sondern auch als Mensch verändert, sagt Adebahr heute. „Ich bin achtsamer geworden und genieße die Zeit mit meiner Familie viel intensiver. Der 2. April ist heute mein zweiter Geburtstag.“ Seinen eigentlichen Geburtstag im Mai habe er nach dem Karfreitagsgefecht über Jahre hinweg nicht feiern wollen. „Ich musste an meine drei Kameraden denken, die nicht mehr dabei sein konnten“, sagt Adebahr, der heute als Truppenpsychologiefeldwebel arbeitet und anderen Einsatzgeschädigten der Bundeswehr bei der Bewältigung ihrer Traumata hilft. Häufig habe er darüber nachgedacht, was er hätte anders machen können, so der Stabsfeldwebel. Inzwischen habe er aber seinen Frieden mit den Geschehnissen gemacht: „Am Ende ist die Situation so passiert, wie sie passiert ist.“
Wiedersehen zum Jahrestag
Zum 15. Jahrestag des Karfreitagsgefechts treffen sich die Überlebenden in großer Runde wieder, um ihrer verstorbenen Kameraden zu gedenken. Rund 100 Menschen werden am 2. April 2025 im Wald der Erinnerung in Schwielowsee erwartet, um den Toten die Ehre zu erweisen. Die Veteranen des Karfreitagsgefechtes werden fast geschlossen anreisen. Hinterbliebene, Familienangehörige sowie Weggefährten aus Militär und Politik werden ebenfalls vor Ort sein, wenn am Ehrenhain aus Kundus ein Kranz für die Gefallenen des Karfreitagsgefechts niedergelegt wird.
Er freue sich auf das Wiedersehen, gehe dem Termin aber mit gemischten Gefühlen entgegen, sagt Naef Adebahr. „Zum einen ist es auf solchen Terminen immer schwierig, allen gerecht zu werden. Zum anderen trübt der traurige Hintergrund das Ganze doch sehr.“ Vor allem sei ihm wichtig, zusammen mit den Hinterbliebenen einen würdigen Tag im Andenken an die Toten zu verbringen, sagt der Stabsfeldwebel. „Und später am Abend werden wir sicherlich auch noch das eine oder andere Gläschen auf unsere Kameraden trinken.“ Auch wenn die Toten des Karfreitagsgefechts seit nunmehr 15 Jahren schmerzlich vermisst werden: Vergessen sind sie nicht.