Dem Unbestimmten einen Namen geben – Posttraumatische Belastungsstörung
Dem Unbestimmten einen Namen geben – Posttraumatische Belastungsstörung
- Datum:
- Lesedauer:
- 6 MIN
Für ein sehr persönliches Gespräch treffen mein Fotograf und ich uns in der Lüneburger Heide mit einem Paar, das mit großen seelischen Belastungen kämpft. Der 50-jährige Kommandosoldat und Ehemann leidet an einer Posttraumatischen Belastungsstörung.
Wir fahren lange mit dem Dienstfahrzeug durch Deutschland. Dabei sprechen wir intensiv darüber, was uns bei dem bevorstehenden Termin wohl erwarten wird. Mit gemischten Gefühlen fahren wir durch wunderschöne Landschaften und erreichen direkt hinter dem Elbdeich unser Ziel. Wir sehen ein großes Grundstück mit Pferdewiesen und einem traumhaft gemütlichen Häuschen. Oberstabsfeldwebel H. winkt uns von Weitem zu und zeigt uns wo wir parken können. So weit irgendwie alles heile Welt.
Seine Frau kommt hinzu und begrüßt uns herzlich. Zwischenmenschlich passt die Chemie, zumindest nach unserem subjektiven Gefühl. Unsere Ängste, wie wir mit der Situation umgehen sollen, sind schnell verflogen und bei einer Tasse Kaffee beginnt ein zwangloses, aber emotional sehr bewegendes Gespräch – für beide Seiten.
Hier stimmt etwas nicht
Angelika erzählt wie alles begann mit der heimtückischen Erkrankung ihres Partners, des durchtrainierten Oberstabsfeldwebels, der uns gegenübersitzt: „Es ist gar nicht so einfach, den Moment festzumachen, an dem uns beiden bewusst wurde: Hier stimmt etwas ganz und gar nicht. Es stand lange keine Diagnose im Raum.“ Und es sollte Jahre dauern, bis das Unbestimmte einen Namen bekam: Posttraumatische Belastungsstörung.
Angelika war klar, dass der Beruf ihres Mannes Entbehrungen für sie mit sich bringen würde. Als Kommandosoldat war er oft lange Zeit mit einem ihr unbekannten Ziel unterwegs. Es gab für sie keine Möglichkeit, Informationen zu erlangen und nicht immer wusste sie, ob sie ihn noch einmal lebend wiedersehen würde. Auch heute ist sie zuhause überwiegend auf sich gestellt und muss Arbeiten ihres Mannes mit übernehmen, denn er pendelt dienstlich und befindet sich während eines Großteils der Woche an seinem Dienstort. Eine enorme emotionale Belastung, die sie jedoch jahrelang ertragen hat. Und sie ist bis heute sein Halt wenn er nach Hause kommt, sein Ruhepol.
Selbstzweifel
Angelika berichtet, dass sich im Laufe der Zeit, ganz schleichend, ein nicht benennbares, vielleicht ohnmächtiges dunkles Gefühl in ihr entwickelt hat. Sie fühlt, dass etwas nicht in Ordnung ist. „Diese Gedanken kreisten nicht um eine mögliche Erkrankung, sondern ich machte mich selbst verantwortlich für sein Verhalten.“ Sie fühlte sich zurückgestoßen, nicht mehr als Ehefrau angenommen, nicht mehr als Teil von ihm. Daher verfiel sie dem Irrglauben, es läge an ihr. Sie rang jahrelang und sie ringt immer noch mit Selbstzweifeln.
Konditionierung und Kompensationsmechanismen
Ihm selbst fiel in dieser Phase keine Veränderung auf, er steigerte sich in Arbeit und Sport hinein, lief sich den Kopf frei und beschäftigte sich in jeder Sekunde seiner Zeit, um unerwünschte Gedanken von sich fernzuhalten. Er wollte nur funktionieren. „Für mich gibt es keine Grenzen, weder emotionaler noch körperlicher Art“, erklärt er. Das sind antrainierte Verhaltensweisen, die zur Erfüllung seines Auftrages unbedingt erforderlich geworden waren. Privat fällt es ihm schwer, diese Konditionierung abzulegen. Er sagt dazu selbst: „Es wurde versäumt, mir beizubringen, dass es auch einen Rückweg gibt, dass ich die Konditionierung irgendwann auch wieder umdrehen muss, um auf die Gesundheit des eigenen Körpers zu achten.“
Während Oberstabsfeldwebel H. sich seinen Kompensationsmechanismen hingibt, brechen die Möglichkeiten zur Kompensation für
seine Frau einfach weg. Ihr fällt es aufgrund der räumlichen Begebenheiten zunehmend schwer, ihren Kopf von traurigen und zweifelnden Gedanken frei zu bekommen. Als ehemalige Reitlehrerin und Pferdeliebhaberin freute sie sich auf die wunderschöne Umgebung an der Elbe und sah unendliche Weiten, die sie auf dem Rücken ihres Pferdes erkunden wollte. Fehlanzeige! Sie hatten, ohne es zu beachten, ein Grundstück in einem Biosphärenreservat gekauft, Pferde und Hunde dürfen sich hier leider nicht frei bewegen. An Haus und Grundstück gebunden, bleibt ihr lediglich die anfallende, zum Teil schwere Arbeit, um sich vom Alleinsein und den Zweifeln abzulenken.
Während der Fotograf die Wohnidylle einfängt, begreife ich die ganze Tragik dieser Geschichte. Von außen paradiesisch, aber im Innern der beiden Ehepartner Kampf, Zerrissenheit, Selbstzweifel und viele dunkle Wolken.
Einschnitt und Zusammenbruch
„Es gibt einfach nicht den Moment, von dem ich hätte sagen können: Mein Mann ist krank, er braucht Hilfe. Dazu musste er erst zusammenbrechen.“
„Es kam der Tag, an dem mein Mann zu dienstlichen Befragungen zu Einsätzen aus seiner Zeit als aktiver Kommandosoldat erscheinen musste“, erzählt Angelika. Wieder zu Hause brach er zusammen. In Embryonalstellung zusammengekauert mit starrem Blick lag er im Wohnzimmer und konnte sich nicht mehr bewegen. „Jetzt war mir klar, er braucht Hilfe.“ Diese bekam er im Bundeswehrkrankenhaus Berlin, einhergehend mit einer klaren Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBSPosttraumatische Belastungsstörung. Seither ist er dort in regelmäßigen Abständen in stationärer Behandlung. Verbunden damit ist eine ambulante Psychotherapie bei einem zivilen niedergelassenen Therapeuten.
Ich bin sein Halt und wer ist meiner?
Angelika jedoch kann immer noch nicht begreifen, was genau mit ihrem Mann los ist. Sie fragt sich, was in ihm vorgeht und begreift nur langsam, dass es nicht an ihr liegt. Sie möchte so gern, dass er einfach wieder gesund wird. Tränen steigen ihr in die Augen, als sie uns erzählt, dass sie immer wieder von der Bundeswehr gelobt wird, weil sie als Ehefrau ein starker Halt für ihren Partner sei. „Ja, ich bin sein Halt, aber wer ist meiner?“ Selbst der geliebte Hund tendiert in seiner Empathie und seinem Beschützerinstinkt mehr zum Herrchen. Er ist immer aufmerksam und spürt sofort, wenn es seinem Menschen besonders schlecht geht. Das können wir bei unserem kurzen Aufenthalt selbst spüren. Ich fühle mit Angelika, verstehe ihre Tränen und weiß doch nicht, wie ich ihr helfen kann.
Unverständnis, Hilfslosigkeit, Ohnmacht
Angelika fühlt sich allein und verloren in dieser Bundeswehrwelt. Sie fühlt sich nicht wahrgenommen und kann das Ausmaß der Erkrankung ihres Mannes nicht verstehen. Sie weiß nicht, an welchem Punkt sich ihr Mann in der Therapie befindet. Es fehlt ihr an proaktiver Aufklärung, an Zuwendung und an konkreter Unterstützung. Sie hätte sich in all der Zeit gewünscht, dass sich jemand um sie kümmert und sie über die Höhen und Tiefen der Erkrankung PTBSPosttraumatische Belastungsstörung informiert. Alle Emotionen hat sie bisher mit sich selbst ausgemacht, hatte nicht viel Erfahrungsaustausch und auch tiefergehende Gespräche mit ihrem erkrankten Partner sind nur selten bis gar nicht möglich. Inzwischen ist Angelika selbst an einer Depression erkrankt und befindet sich auch in einer Therapie. „Wie kann ich mit dieser neuen Situation umgehen, wie werde ich die nächsten Jahre damit fertig werden, wie erhalte ich Kraft, das durchzustehen?“, das sind Fragen, die sie sich wieder und wieder stellt.
Hoffnungsschimmer für die Seele
Einen Lichtblick und etwas Glück am Horizont erhofft sie sich nun von einem in Kürze geplanten Umzug in den Süden Deutschlands. Ein Ort, an dem sie wieder mit ihren Pferden durch die Landschaft reiten kann, der sie näher an alte Freunde bringt und der Hoffnung auf einen kleinen Neuanfang birgt.
Wir fahren wieder zurück nach Koblenz. Lange Zeit schweigen wir, weil das Erlebte und das Eintauchen in die emotionale Welt des Paares nachklingen. Ich frage mich, wie viele Partnerinnen und Partner von Betroffenen es schaffen, einen solchen Leidensweg zu ertragen und mitzugehen und, ob ich die vielschichtigen Gefühle wirklich zu Papier bringen kann.